Wird die Wahl einer neuen Leitung des Pilecki-Instituts in Berlin das bislang oft als zu nachgiebig kritisierte Auftreten Polens gegenüber Deutschland in Fragen der historischen Wahrheit verändern? Die Ernennung eröffnet nicht nur personelle, sondern auch symbolische Perspektiven: Berlin bleibt ein zentraler Schauplatz, auf dem sich entscheidet, ob Polen seine narrative Souveränität selbstbewusst behauptet – oder weiter in einem Gefüge asymmetrischer Erinnerungsdiskurse verharrt
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Am 20. November 2025 gab der Instytut Pileckiego bekannt, dass Hanna Nowak-Radziejowska auf Empfehlung der Auswahlkommission zur Leiterin der Berliner Außenstelle mit Wirkung zum 1. Dezember 2025 ernannt wird.
Diese Entscheidung fällt in eine Zeit, in der Erinnerungspolitik in Polen wie im europäischen Kontext verstärkt in den Fokus rückt – sei es wegen der Aufarbeitung einerseits der deutschen Diktatur (WWII), andererseits der kommunistischen Vergangenheit und in der deutsch-polnischen Beziehung zunehmend auch umstrittener Narrative über Krieg, Besatzung und Nachkriegsgesellschaft.
Die Berliner Außenstelle des Instituts übernimmt dabei eine besondere Funktion: Sie ist nicht nur „Auslandsvertretung“ einer polnischen Forschungs- und Erinnerungsinstitution, sondern Schnittstelle zwischen polnischer Erinnerungspolitik, deutscher Geschichtskultur und dem internationalen wissenschaftlichen Diskurs. Daher ist die Wahl der Leitung nicht bloß organisatorisch, sondern strategisch von Bedeutung.
Mit der Ernennung von Frau Nowak-Radziejowska ergibt sich eine Reihe von Chancen und zugleich hohen Erwartungen, gerade im Hinblick auf die politisch-historische Rolle, die das Institut im Sinne der Republik Polen übernehmen soll.
Stärkung der deutsch-polnischen Erinnerungs- und Forschungsarbeit : Ein Schwerpunkt sollte darin liegen, Kooperationen mit deutschen Institutionen – etwa Universitäten, Gedenkstätten, Museen und zivilgesellschaftlichen Projekten – zu fördern. Aufbauend auf dem Berliner Standort bietet sich die Möglichkeit, polnische Perspektiven stärker ins Zentrum deutschsprachiger Debatten zur Diktaturgeschichte und zur Erinnerung an Gemeinsamkeiten und Konflikte zu rücken. Damit könnte das Institut eine Brücke schlagen: zur deutschen Geschichtspolitik und zur polnischen Erinnerungskultur.
Sichtbarkeit polnischer Aspekte von Totalitarismus und Widerstand : Die Erinnerung an den sowjetischen sowie an den nationalsozialistischen Terror, an Widerstand – etwa durch Persönlichkeiten wie Witold Pilecki – und an die polnische Zivilgesellschaft sollte stärker herausgearbeitet werden. In Berlin könnte die Außenstelle etwa Ausstellungen, Vorträge oder multimediale Formate initiieren, die polnische Erfahrungen – etwa im „Ost-Kontext“ – für ein internationales Publikum aufbereiten.
Strategische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit : Ein zentrales Ziel liegt in der öffentlichen Wirkung: Veranstaltungen, Publikationen, Partnerschaften mit Schulen und Hochschulen sowie digitale Formate können dazu beitragen, das Bewusstsein für historische Zusammenhänge zu schärfen. Insbesondere in Zeiten, in denen Erinnerungspolitik zunehmend politisiert wird, kommt der Vermittlung einer fundierten, wissenschaftlich abgesicherten und zugleich modernen Erinnerungskultur große Bedeutung zu – auch für das Ansehen Polens im europäischen Raum.
Internationale Vernetzung und Narrativ-Kompetenz : In einer globalisierten Welt – mit aktuellen Konflikten, Erinnerungskulturen in Osteuropa, Russland und darüber hinaus – ist es wichtig, eine narrative Kompetenz zu besitzen: Wie wird Geschichte erzählt, welche Erzählungen dominieren, welche verdrängt? Die Berliner Außenstelle könnte hier als Knotenpunkt agieren, der polnische wie zentraleuropäische Perspektiven in eine europäische Debatte einbringt.
Die genannten Chancen sind verbunden mit konkreten Herausforderungen – und mit klaren Aufgabenfeldern für die neue Leiterin:
Erhöhung der Sichtbarkeit: Der Berliner Standort darf nicht isoliert bleiben, sondern muss mit dem Hauptsitz in Warschau und weiteren Außenstellen in ein kohärentes Netzwerk eingebunden werden, damit Wirkung und Kontinuität entstehen.
Thematische Klarheit und Relevanz: Die Themen sollten weder nur retrospektiv noch ausschließlich national-patriotisch aufgefasst werden. Vielmehr wäre eine Öffnung in Richtung vergleichende totalitarismusgeschichtliche Forschung, transnationale Netzwerke und kritische Erinnerungskultur wünschenswert.
Kommunikation im internationalen Motivationsfeld: In Deutschland existieren viele Erinnerungskulturen – daran anzuknüpfen heißt, sensibel für deutsche Debatten zu sein, aber zugleich polnische Sichtweisen selbstbewusst einzubringen. Das erfordert strategisches Denken, Netzwerkarbeit und Medienkompetenz.
Nachhaltigkeit und Wirkungsmessung: Projekte sollten so konzipiert sein, dass ihre Wirkung messbar und langfristig angelegt ist – etwa durch kontinuierliche Bildungsprogramme, Ausstellungen mit Begleitmaterialien, wissenschaftliche Publikationen.
Politische Autonomie & wissenschaftliche Integrität: Während das Institut natürlich Teil der polnischen staatlichen Erinnerungspolitik ist, bleibt eine Balance wichtig: zwischen staatlicher Erwartung und wissenschaftlicher Unabhängigkeit – also Glaubwürdigkeit gegenüber deutschen wie internationalen Partnern.
Empfehlungen an die neue Leitung – im Interesse der polnischen Erinnerungspolitik
Entwickeln Sie ein Jahresprogramm mit klaren Meilensteinen: eine große Ausstellung oder Tagung in Berlin, Kooperationen mit deutschen Forschungseinrichtungen, ein Projekt mit jungen Erwachsenen (z. B. Hochschulen oder Schulen).Initiieren Sie ein Forum zur deutsch-polnischen Erinnerungspolitik, das jährlich tagt – mit deutschen und polnischen Partnern, vielleicht sogar erweitert auf Mittel- und Osteuropa.Fördern Sie gezielt digitale Formate (z. B. Podcasts, Online-Ausstellungen, Social-Media-Kampagnen) – insbesondere mit Blick auf ein jüngeres Publikum, das Erinnerungskultur anders wahrnimmt als frühere Generationen. Sorgen Sie für wissenschaftliche Publikationen in deutscher Sprache, die polnische Forschungsergebnisse einem deutschsprachigen Publikum zugänglich machen – etwa Sammelbände, freie Online-Publikationen oder Kooperationen mit deutschen Verlagen.Bauen Sie ein Monitoring- und Feedback-System auf, das Rückmeldungen von Teilnehmer/innen und Partnerinstitutionen sammelt – so kann die Wirkung der Arbeit besser kontrolliert und gesteuert werden.
Mit der Ernennung von Hanna Nowak-Radziejowska übernimmt eine neue Leitung eine zentrale Position im Spannungsfeld von polnischer Erinnerungspolitik, deutsch-polnischer Kooperation und europäischer Geschichtskultur. Die Verantwortung ist groß: Die Berliner Außenstelle des Instituts kann ein Katalysator sein – für Sichtbarkeit polnischer Geschichte, für nachhaltige Bildungs- und Forschungsprojekte und für ein differenziertes Narrativ, das über nationale Grenzen hinauswirkt.
Entscheidend wird sein, wie die zukünftige Leiterin das Potenzial dieses Standorts nutzt – bibliographisch, digital, international – und wie sie es gelingt, das Institut als glaubwürdigen Gesprächs- und Partnerakteur im deutschen Erinnerungshorizont zu positionieren.
Sollte dies gelingen, würde dies einen echten Gewinn für die Erinnerungspolitik der Republik Polen darstellen.
https://instytutpileckiego.pl/pl/instytut/aktualnosci/ogloszenie-wyniku-konkursu-na-stanowisko-kierownika-oddzialu
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